© 2017 Catherine Le Blanc

Birken und Pools

 

Noch heute ist das so auf Flughäfen, ich möchte aufstehen, zwischen all den Wartenden, Telefonierenden, und die Füße in Position bringen, die Arme. Die Daumen einschlagen. Den Hals lang machen wie ein Schwan und mit den Spiegeln einen Tanz beginnen.

 

Vor einigen Jahren kam ich wieder nach Danzig und ging zurück in das Haus meiner Kindheit. Als ich die Türe zu meinem Zimmer öffnete, konnte ich es nicht fassen, mein Spielzeug war noch genau so angeordnet, wie ich es damals für unsere scheinbare Urlaubsreise zurückgelassen hatte. Zuerst versuchten wir es über den Luftweg: Als ich - gerade sieben Jahre alt - am Warschauer Flughafen mit den riesigen Spiegeln tanzte, war das für mich kein Foyer, das war ein richtiger Ballsaal in dem ich über das Parkett flog und mein Vater mir zu meiner Ballettvorführung applaudierte. Es kamen dann zwei Männer und sammelten uns ein, wir waren wohl doch in keinem Prunksaal, sondern im Polen der 1980er Jahre, nach unserem ersten missglückten Fluchtversuch. Dort, wo ich lernte, dass man aus nichts etwas machen kann und ein Birkenbäumchen eine verwunschene Prinzessin ist. Dort, wo der Bernstein ausgegraben wird.

 

Ich konnte nicht viel aus meinem Kinderzimmer mitnehmen, denn als wir gingen, gingen wir schnell. Nach jener Zugfahrt, die mir länger als mein bisheriges Leben vorkam, waren wir in einem anderen Land mit einem anderen Leben. Vom Norden Polens waren wir in ein deutsches Auffanglager gefahren. Zurück führten nur ein paar Eisenbahngeleise aber keinesfalls ein Weg.

 

Damals habe ich das Spielen gelernt, das Spielen ohne Dinge. Mit meiner Schwester inszenierte ich Theaterstücke, da war ich noch keine acht Jahre alt. Meine Tante sagte mir immer wieder, dass ich meine Lust für das Theater noch viel früher entdeckt hätte, als wir das erste mal aus dem Kindertheater kamen und uns meine Augen den Weg nachhause leuchteten, so sehr wie sie strahlten. Das Leben stand immer so ein bisschen auf der Kippe, schafft man es, oder schafft man es nicht. Ich habe Glück gehabt, und mich für das Spielen entschieden.

 

Als ich mich vor einigen Jahren am Sichersten fühlte, ich hatte tolle Engagements, und dachte, wenn jetzt auch noch ein Kind in mein Leben kommt, das ist einfach unglaublich, mein Leben ist geradezu perfekt. Und genau in dem Moment, als ich das glaubte, ist es aus den Fugen geraten, wo ich mir doch so sicher war, dass ich alles im Griff hatte. Immer, wenn ich mich vom Schauspielen entferne, spüre ich fast eine Art Schmerz, vielleicht hat sich das eine oder andere mal auch einfach der Kopf eingeschaltet und gesagt mach’ etwas Vernünftiges. Damit konnte ich aber noch nie lange glücklich werden.

 

Der Morgen ist weiser als der Abend, hat meine Tante zu mir gesagt Als mich einmal ein Freund fragte, aus tiefstem Herzen, wenn du noch eine Woche zu leben hättest, was würdest du tun auf dieser Welt, sagte ich Spielen! Von da an war klar, spiel! Aus nichts etwas machen! Malen ohne Farben - und meine Welt ist ziemlich bunt dabei. Blau, wie das kalte Meer in Danzig wenn ich meine Fersen in den Sand grabe und meine Spur direkt ins Wasser führt. Leuchtend türkis wie die Poollandschaft aus der Luft, wenn man nachts im Landeanflug auf L.A. ist. Die Farbe der Orangenbäume in Kalifornien.

 

Die Amerikaner sehen in mir immer die russische Zarin, wenn ich englisch spreche, habe ich einen polnischen Akzent, und keinen deutschen. Aber ganz egal, wen ich spiele, in welcher Sprache, oder wo ich stehe, ob das ein Schloss ist oder ein Stundenhotel, ich atme, was die Rolle atmet, ich spüre, was die Rolle spürt, so lange bis es für diesen Moment keine Rolle mehr gibt. Aus einer Wartehalle mach’ einen Ballsaal, aus einer Zugfahrt steige aus und beginn’ ein neues Leben. Ich habe keine Angst, irgendetwas zu verlieren.

 

Sehe ich ein Birkenbäumchen, sehe ich immer noch eine Prinzessin….